Matthias Klein

ADHS statt Autismus: Unser Weg durch die deutsche Diagnose-Mühle

Wie wir in einem einzigen Schuljahr durch die deutsche Diagnostik-Mühle gegangen sind, an einer Fehldiagnose gezweifelt haben und am Ende zu zweit bei der richtigen Diagnose ankamen: ADHS.

Heute endet für unseren Sohn das sechste Schuljahr. Das erste Schuljahr mit offizieller ADHS-Diagnose.

Schon lange bevor wir 2025 vom Politiklehrer unseres Sohnes auf einen Autismus-Verdacht angesprochen wurden, war uns klar, dass er kein „typischer" Junge ist.

Kein typischer Junge

Er ist extrem empathisch, wortgewandt und hatte sich schon vor der Einschulung autodidaktisch die englische Sprache auf muttersprachlichem Niveau beigebracht und begonnen, Apples Programmiersprache SwiftUI zu erlernen. Gleichzeitig kann er mit seinen mittlerweile fast zwölf Jahren immer noch keine Schleife binden und nicht ohne Stützräder Fahrrad fahren.

Wir ließen uns also auf die von der Schule empfohlene, offizielle Diagnostik ein, und damit begann für unseren Sohn, aber auch für uns, ein kombinierter Spießruten- und Hürdenlauf durch das gesamte deutsche Gesundheitssystem. Inklusive anschließender Zweitdiagnostik, weil wir Zweifel an der zuerst gestellten Diagnose „atypischer Autismus" hatten.

Mein eigenes ADHS

Wer sich mit der Thematik auskennt, wird jetzt wahrscheinlich sagen: „Was? Das habt ihr alles in nur einem Jahr geschafft?" Ja, das haben wir. Und hier kam mir mein eigenes ADHS sehr gelegen, von dem ich vor anderthalb Jahren ebenfalls noch nichts wusste.

Wie viel Zeit ich in den Aufbau von Wissen rund um das Thema Neurodivergenz investiert habe, wie viele Nächte ich nicht geschlafen, wie viele Stunden ich geweint und wie viele Sorgen ich mir Tag für Tag um meinen Sohn gemacht habe, kann ich quantitativ kaum noch erfassen.

Je tiefer wir in seine Psyche, seine körperlichen Beschwerden, seine Ängste und Sorgen vordrangen, desto klarer wurde mir: Das habe ich alles auch durchgemacht. Also tat ich das einzig Sinnvolle und machte mich ebenfalls auf die Suche nach einer Therapeutin.

Die Suche nach einem Therapieplatz

Erst tat sich gar nichts. Ich bekam keine Termine, wurde auf keine Warteliste aufgenommen und immer wieder nur vertröstet. Es bestätigte sich alles, was man nahezu täglich zum Thema „psychische Gesundheit" in Deutschland hört.

Vom Glück geküsst

Du siehst echt scheiße aus! Alles okay bei Dir?

Doch dann wurde ich vom Glück geküsst. Auf dem gemeinsamen Weg zur Schulpflegschaft sah eine gute Freundin mich lange an und sagte: „Du siehst echt scheiße aus! Alles okay bei Dir?" Es sprudelte nur so aus mir heraus. Ich erzählte alles, vom ersten Ansprechen auf Theos Verhalten bis hin zu meiner erfolglosen Suche nach einem Therapieplatz. Meine Freundin schwieg eine Weile, grübelte und sagte dann: „Ich denke, da kann ich helfen. Ich rufe Dich morgen Nachmittag an."

Und genau das tat sie. Sie gab mir die Nummer einer promovierten Psychiaterin, die ursprünglich Oberärztin in einer Klinik für Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung und AD(H)S war und mittlerweile als ärztliche Therapeutin arbeitet.

Von da an ging alles in Rekordzeit. Schon am Telefon waren wir uns sympathisch. Sie war aktuell zwar noch voll belegt, doch in zwei Monaten würde ein Therapieplatz frei, und der war nun meiner. Ich bin kein Freund von Vitamin B, aber in diesem Fall war ich einfach nur extrem dankbar und demütig.

ADHS-Volltreffer

Den Rest kürze ich ab, der Artikel ist ohnehin schon lang geworden. Aber diese Ärztin hat mir der Himmel geschickt. Zu diesem Zeitpunkt lautete die Diagnose meines Sohnes noch Autismus, und genau darauf hatte ich sie während unseres Telefonats natürlich angesprochen. Schon nach der ersten Sitzung sagte sie zu mir: „Beim nächsten Mal fangen wir mit dem ADHS-Test an. Sie sind kein Autist, und alles, was ich bisher von Ihnen gehört habe, spricht auch bei Ihrem Sohn dagegen."

Also: Test gemacht. ADHS-Volltreffer! Danach alles, was eben nötig ist: Einreichen der Grundschulzeugnisse, Ausschluss körperlicher Ursachen, Schädel-CT und und und. Nach etwa einem halben Jahr hatte ich meine gesicherte Diagnose. Ich bekam zuerst Medikinet und kurz darauf Elvanse, da ich bei Medikinet so ziemlich jede Nebenwirkung mitgenommen habe. Elvanse vertrage ich, bis auf die fast immer vorhandene Mundtrockenheit, sehr gut und fühle mich wie ein neuer Mensch: eine nie dagewesene Ruhe im Kopf, deutlich mehr Konzentration bei ungeliebten Aufgaben, und in den ersten vier Stunden nach der Einnahme bin ich extrem produktiv.

Zweitdiagnostik: ein ganz anderer Rahmen

Während ich also versorgt war und weiterhin brav und, wirklich, voller Vorfreude alle 14 Tage zu meiner Verhaltenstherapie ging, hatte sie mir bereits eine ehemalige Kollegin empfohlen, die sich gerade bei uns um die Ecke selbständig gemacht hat. Also nichts wie ran ans Telefon, und tatsächlich hatten wir sehr zeitnah auch für unseren Sohn den ersten Termin zur Zweitdiagnostik.

Ein ganz anderer Rahmen diesmal. Die Fragebögen für den IQ-Test und vor allem die Auswertung wurden uns detailliert erklärt, die erste Diagnose mit all ihren Fehlern sauber aufgearbeitet, und dann schauten wir uns gemeinsam die Videoaufzeichnung des ADHS-Tests an. Diese Aufnahme zum Beispiel wurde bei der ersten Diagnostik gar nicht gemacht, obwohl sie für diesen speziellen Test vorgesehen ist. Und durchgeführt wurde der Test dort nicht von einer Ärztin oder Therapeutin, sondern von einer Mitarbeiterin. Das Ergebnis: kein Autismus, sondern, wer hätte es gedacht, ebenfalls ADHS. Genau wie ich es von Anfang an gesagt hatte.

Da die Therapeutin unseres Sohnes Kinder- und Jugendpsychologin ist, darf sie keine Medikamente verschreiben. Wir brauchten also zusätzlich eine auf Kinder spezialisierte Psychiaterin. Was soll ich sagen: Nach einem kurzen Anruf von Theos Therapeutin und parallel meiner eigenen hatten wir einen Termin bei einer weiteren ehemaligen Kollegin der beiden, die ebenfalls schon eine Weile in eigener Praxis tätig ist.

Ein dankbares Zwischenfazit

Erster Termin extrem zeitnah, da die Diagnose ja bereits gesichert war. Nun nimmt auch unser Sohn Medikinet und hat nach der ersten Einnahme vor Glück geweint, weil er auf einmal dem Unterricht folgen konnte, ohne überstimuliert zu sein oder einzuschlafen. Wir sind noch mitten in der Eindosierung, und ich bin gespannt, wie das kommende Schuljahr verlaufen wird.

Bis hierhin bin und bleibe ich vor allem eines: dankbar für diese kurze, intensive Reise.

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Note – 2026-07-14 03:07